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Napoli

Tage wie dieser

Ich sitze in meinem Bett inmitten des Centro Storico in Napoli in einem türkis Zimmer. Der Raum ist hoch die Vorhänge schwer und jegliches Holz ist wie immer, in dunkelbraun gehalten, wie es eben hier so üblich ist. Die Bettdecken sind aus einer Art Synthetikschafsfell und die Couch aus grünem Kunstleder. Man kann nicht behaupten das sich hier nicht jemand was überlegt hat, die Frage ist nur wer und was.

Der heutige Tag begann ganz sanft und still. Wenn man genau hinhört kann man die Möwen schreien hören. Die, die sich über die Abfälle in meiner Strasse hermachen und den ganzen Hafen belagern. Die, die ähnlich skrupellos hier überleben wie die Menschen die sie ernähren. Ich wache ohne Kopfweh auf, was in den letzten Tagen selten war. Mein Kopf scheint leer zu sein. Wie gelöscht, frisch gewaschen und gut durchgelüftet. Heute ist hier etwas anders. Ich will aufstehen, überlege aber anders und genieße einfach die Ruhe die hier herrscht.

Dann tauchen die Bilder der letzten Nacht wieder auf. Der Nachtportier klopft, er fragt ob alles in Ordnung bei uns ist. Die älteren Napolitaner bleiben über diese Nacht nicht gerne in im Centro Storico. Der Nachtportier, ein Inder, war gestern nur verschreckt in ein seinem Zimmer. Gestern Nacht ist hier der Stuck im Badezimmer von der Decke gefallen. Gestern Nacht wurde 2 Fenster neben mir mit einer Pistole aus dem Fenster geschossen und gestern Nacht war ich 2 mal am Abend auf der Strasse und damit ich nicht durch eine Gasse gehe, wurde auch dort aus dem Fenster geschossen. Alles war verschlossen, die Fensterläden waren zu, die Geschäfte waren verriegelt, die Roll-Läden mit dicken Ketten und Schlössern, die extra für Napoli entwickelt zu sein scheinen, verriegelt. Gestern Nacht war hier eine Art Krieg und diejenigen die gestern hier Krieg geführt haben waren nicht die Erwachsenen, nicht die Camorra, nicht die üblichen Verdächtigen. sondern es waren die Kinder & Jugendlichen. Von 12 bis 22 war gestern alles auf der Strasse was laufen kann. Das klingt jetzt nicht nach Anachrchie aber ich kann mich noch gut erinnern als ich damals mit aucht oder neun anderen 10 jährigen in der Schule 16-jährige in Dornenbüsche geworfen habe und die sich nicht gegen uns als Horde wehren konnten. Wir hatten keinen Deut von Angst, waren gelangweilt und wollten was erleben. Die Kinder die hier längst keine mehr sind. Die waren es die mit Bomben geworfen haben. So stark das uns eben der Stuck im Badezimmer von der Decke fiel.

Diejenigen die sonst auf den Scootern durch die Stadt jagen, ohne Helm, zu dritt und zwölfjährig auf einer "geborgten" Vespa. Die hatten Ihren Spaß gestern hier in den Strassen. Die augenscheinlichen Jungen sind aber nur körperlich Jung. Nicht deswegen weil ihr Leben so hart ist, vielleicht zu einem Teil auch, oder die Bedingungen so schlecht sind sondern größtenteils weil ihnen Respekt gezollt wird. Die Erwachsenen respektieren die Kleinen. Wenn einer mit einer Waffe umgehen kann dann ist er auch reif genug um für voll genommen zu werden. Sie dürfen Krieg spielen weil sie selbst verantwortlich sind dafür was sie tun. Falls sie einen Fehler machen dann ist eben die Hand weg.

Beeinträchtigte gibt es im centro storico genug, da kommt es auf einen mehr oder weniger auch nicht an. Außerdem ist nicht schlecht einen in der Familie zu haben der den Touristen ein wenig Geld abnimmt in dem er sich neben eine Kirche setzt und seinen Stumpf zeigt. Besser als er wird Mitglied der Camorra und stirbt innerhalb der nächsten Jahre an einem Anschlag.

Neapel ist eine ganz normale Stadt. Am besten lässt es sich wohl so beschreiben. Ich bin seit drei Tagen hier und war gestern Nachmittag das erste mal in dem Stadtteil in dem alles für einen Wiener wie gewohnt läuft. Mit gewohnt will ich sagen, du gehst auf der Straße und irgendeine Zigeunerin hat nicht die Finger in deinen Taschen. Die Geschäfte sind die gewohnten Konzerne die überall auf der Welt Ihre Finger in die Städte stecken und dort ihre Narben hinterlassen. Gewohnt und langweilig.

Und dann, dann geht man über die Strasse in einer Senke der Stadt und man ist wieder zurück in einer brodelnden Altstadt die mit Grafitti und Dreck bis in den 2. Stock jedes siebenstöckigen Gebäudes voll ist. Verplankte und Zerschlagene Fenster. Ausgebrannte Lokale wo sich wie Ameisen die Menschen darüber hermachen die letzten brauchbaren Teile auszusortieren. Nicht wie in Mitteleuropa üblich von einer Firma die so etwas übernimmt. Keine Handschuhe keine Masken. Die Omis und Opas helfen mit, studieren die Situation, diskutieren. Ganze Heerscharen von Freunden kommen vorbei und kaufen und verkaufen aus dem ausgebrannten Lokal die brauchbaren Reste. Einige Stehlen ein bisschen was und laufen dann. Das Leben geht also seine gewohnten Bahnen.

Ich fühle mich hier in einer Art und Weise verbunden mit meiner Umwelt wie ich es selten zuvor erlebt habe und gehe wieder ins Hotel zwischen Transen und alten Leuten. Die bei offenem Fenster und Türen, bei brüllenden Fernseher, auf der Couch schlafen wie alte Koalas in sich zusammengesunken, nur mehr wartend das entweder wer mit Pizza oder der Tod vorbeikommt. Die Leute gehen in fremden Wohnungen aus und ein, bekleidet mit Schlafanzügen aus rosa Plüsch und Barbie-Motiven wechseln sie zwischen ihren Höhlen hin und her. Zwischen den Einzimmer-Wohnungen im Erdgeschoss ist so etwas wie Privatsphäre nicht mal im Ansatz zu erkennen. Sie scheinen furchtbar ungesund zu sein. Ihre Haut ist fettig, die Körper bauchig und teigig von zu viel Frittura und Pizza. Der Gang hatscht, die Schuhe sind abgetreten. Die Glitzerglanzhosen sind ausgefüllt. Das ist Wohlstand in den hiesigen Vierteln. Essen, Glitzer und Plüsch im Winter.

Du bist so lange du hier bist, kein Gast sondern Mitglied einer Gemeinschaft die nicht von Dir erwartet daß du dich beteiligst aber dich trotzdem aufnimmt. Du gehst nicht mehr einfach vorbei und probierst nicht nicht zu schauen um nicht aufzufallen sondern grüsst den einen oder anderen. Du wirst so zu sagen ohne das du es merkst zum Menschen und nicht wie in jeder anderen Stadt die ich bisher bereist habe zum Tier das nur frisst, scheißt und ab und zu vögelt. Die Napolitaner scheinen mir wie Bauernschädel mit extrem hohen Agressionspotenzial die aber, das ist der Hauptpunkt, sehr herzliche Menschen sein können. Schließlich ist es am Ende diesen ganzen Chaos und Unruhe die dich verfolgt den ganzen Tag sehr schön am Weg ins Hotel zurück von jeden einzelnem Wahrgenommen zu werden und teilweise sogar mit einem ehrlichen lächeln begrüßt zu werden.




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